30.05.2014

Alles andere als angenehm, aber hochaktuell und wichtig

Phillip Fuhrmann ist Priesterkandidat des Bistums Görlitz. Für ein Jahr studiert er jetzt in Rom.
Alles andere als angenehm, aber hochaktuell und wichtig  – so könnte ich mein Seminar beschreiben, dass ich derzeit an der Universität hier in Rom besuche. Thema ist die Prävention und der Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger. Es ist unangenehm, die Fallbeispiele durchzugehen. Es macht mich traurig, wenn diese von der Realität noch an Ausmaß überboten werden.
Das Seminar desillusioniert. Der Fremde, der die Kinder auf dem Spielplatz beobachtet; der Alte, der die Schüler auf ihrem Heimweg verfolgt und Süßigkeiten aus dem Auto verteilt – das sind die Bilder, die wir haben, wenn wir an Täter sexuellen Missbrauchs denken. Gleich danach kommt wahrscheinlich der Priester im Beichtstuhl. Doch die erschreckende Wahrheit ist: Über 50 Prozent der sexuellen Übergriffe werden im familiären Umfeld begangen. Danach kommen erst die Fälle, in denen der Täter aus dem Bekanntenkreis stammt. Sexueller Missbrauch durch einen Fremden macht den kleinsten Teil aus.
Was mich auch sehr erschrocken hat, ist die Schätzung, dass etwa ein Drittel der Täter sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen gar keine Erwachsenen sind. Während in der Kriminalstatistik die Fälle im Allgemeinen zurückgehen, ist die Tendenz von sexueller Gewalt zwischen Kindern und Jugendlichen steigend!
Aber wen wundert es auch, bei der steigernden Pornografisierung der Gesellschaft. Kann man noch einen Fernsehfilm sehen, in dem keine Sex-Szene auftaucht? Man kann ja nicht einmal die Tagesschau sehen, ohne dass in der Werbeeinblendung davor eine Frau im Bikini mit Kamerafokus auf den schwingenden Hüften den Strand entlang läuft. „Sex sells“ – Sex verkauft. Sex ist omnipräsent. Der Mensch und sein Körper ein Konsumgut.
Prävention – das heißt zuerst, Aufarbeiten vergangener Fälle, vergangener Fehler, daraus lernen, besser machen. Transparenz, offener Umgang, klare Konsequenzen. Es heißt aber auch, sensibel sein für die Schieflagen, die zu sexuellem Missbrauch führen. Und das Aufzeigen der christlichen Botschaft als wahre Alternative: Denn dort, wo nicht Profit, sondern die Unantastbarkeit der Freiheit und Würde des Menschen an erster Stelle steht und Liebe nicht Besitz sondern Sich-schenken an den Anderen bedeutet, dort kann ein gereifter Umgang mit Sexualität gesund wachsen.

Kommentare

Lieber Philip Fuhrmann, es ist alles richtig, was sie geschrieben haben. Was fehlt, ist der Hinweis auf die Bedeutungslosigkeit der kirchlichen Lehre für viele Menschen. Hier ist es angebracht nachzudenken. Eine Erklärung ist die Fixierung des Klerus auf die Sexualmoral.Irgendwann konnte es niemand mehr hören, dieses anmaßende Verkünden einer restrektiven Sexuallehre. Der Klerus, der sich selbst zu einer Gruppe Singles gemacht hat, erwirbt sich den Status, allein den Gotteswillen für das sexuelle Leben der Menschen verkünden zu können. Bereits den pubertären Knaben wird eingetrichtert, dass Selbstbefriedigung schwere Sünde sei; dass die meisten Verhütungsmethoden Sünde seien, auch der Geschlechtsverkehr trotz großer Liebe. Die katholische Sexualmoral und -ethik ist bedeutungslos geworden. Das ganze Thema ist aber aktuell wie zu allen Zeiten. Hier wäre noch vieles zusagen. Dieter Kittlauß

"Aber wen wundert es auch, bei der steigernden Pornografisierung der Gesellschaft. Kann man noch einen Fernsehfilm sehen, in dem keine Sex-Szene auftaucht?"

Ich glaube nicht, dass wir in einer Zeit leben, in der alles mehr pornografisch ist als irgendwann früher. Ich habe noch meinen Kirchengeschichte-Prof in Erinnerung, der sagte: "Seid froh, dass ihr nicht im Mittelalter leben musstet. Was es da alles gegeben hat... das war hinsichtlich Sexualität eine ganz grobe Zeit!"

Und er hatte natürlich Recht. Was vielleicht der Unterschied ist: Heute hat man für manches Worte, was früher wortlos unter den Tisch gekehrt wurde. Heute sehen sich immer mehr Kinder und Jugendliche in der Lage, überhaupt darüber zu reden, was mit ihnen passiert ist. Auch Täter können sich heute als Täter erkennen - im 19. Jahrhundert meinten viele Erwachsene, dass die Kinder sexuelle Übergriffe vergessen würden, dass "sowas" keinen Einfluss auf sie hätte.

Wenn heute so oft das Thema "sexueller Missbrauch" an Kindern und Jugendlichen (auch durch Kinder/Jugendliche an anderen Kindern/Jugendlichen) zur Sprache kommt, dann deshalb, weil immer weniger totgeschwiegen wird.

Liebe Grüße und alles Gute in Rom: D. Kühner