28.01.2015

Eheloses Leben

Allein und frei

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Nur ein einziges Wort. „Freiheit“. Dann kommt lange nichts. Freiheit, das ist die erste und vielleicht beste Antwort Konrad Heils auf die Frage: „Was bedeutet für Sie der Zölibat, welche Vorteile bringt er?“

Die Ehelosigkeit kommt in der Kontemplation zur Vollendung, sagt Pater Anselm Grün. Foto: fotolia

Heil ist ein klassischer Spätberufener. Der heute 62-jährige Pfarrvikar aus Berlin-Lichterfelde wurde erst mit 57 zum Priester geweiht. In seinem früheren Leben als Diplom-Betriebswirt und Diplom-Handelslehrer hatte er eigentlich alles, was ein weltliches Herz begehrt. Einen Traumjob mit gutem Gehalt. Auch eine Familie hätte er gründen können. Doch irgendwas fehlte. 

Heils Leidenschaft sind die Menschen und deren Nöte. Und weil er heute als geistlicher Begleiter, als Sinnfinder, wie er sagt, und als Konfliktberater so gefragt ist, erlebt Heil den Zölibat nicht als Mangel. „Es ist kein Verzicht, wenn man ein Stück Brot liegenlässt und stattdessen zum Kuchen greifen kann“, sagt der Seelsorger. 

Bewusst ehelos lebt auch die ehemalige evangelische Pfarrerin Astrid Eichler. „Ich habe in meinem Leben Freiräume, wie sie ein Verheirateter nicht hat“, sagt sie. Wozu? „Um zu lieben“, erklärt sie. Auch wenn es vielleicht zunächst wie ein Paradoxon klingt, wenn ausgerechnet eine Zölibatäre so etwas sagt, so passt es doch zu etlichen Schilderungen von Mystikern und Mönchen. 

 

„Nur wer geliebt wird, kann lieben“

In seinem Buch „Ehelos – des Lebens wegen“ beschreibt der Benediktiner Anselm Grün, dass der Zölibat nur erfüllt werden kann, wenn jemand in guten zwischenmenschlichen Beziehungen steht. „Kein Mensch kann ohne Liebe leben. Nur wer geliebt wird, kann lieben.“ Dort, wo die meisten Menschen ihre Liebe auf Partner und Kinder konzentrieren, „entgrenzt“ sie der Mönch, der Priester auf die „vielen Du’s, denen er sich zuwendet“.  

„Der Zölibat birgt in sich Schätze, wenn man ihn von innen heraus lebt“, sagt die evangelische Christin Eichler. Von 1988 bis 2004 war sie, die inzwischen ein Netzwerk von christlichen Singles gegründet hat, Pfarrerin in der Prignitz und hat beobachtet, wie sich zahlreiche Kollegen „regelrecht zerrissen haben zwischen Gemeindearbeit und Familie“: „Nicht umsonst ist die Scheidungsquote bei evangelischen Geistlichen so hoch.“

Das Priesteramt ist spätestens in Zeiten des Priestermangels und immer neuer Gemeindefusionen zu einem Fulltimejob geworden. „Gott will uns ganz, nicht nur 40 Stunden“, sagt Zisterzienserpater Nikolaus Thiel. Für seine oberösterreichische Gemeinde ist der Landpfarrer rund um die Uhr ansprechbar, sein Handy stellt er auch nachts nicht aus. Solche Freiheiten, solche Arbeitszeiten wären für einen Familienmenschen nur schwer umsetzbar. 

Doch nicht nur um den Nächsten geht es. Im Zentrum zölibatären Lebens, wie auch Paulus es sich in seinem Brief an die Korinther wünscht, sollten immer Gott und das Gebet stehen. „Die Ehelosigkeit kommt in der Kontemplation zur Vollendung“, schreibt Grün. Zwar stehe diese wohl tiefste Form der Spiritualität – zumindest in Momenten – auch Verheirateten offen. Doch nur die Ehelosigkeit biete jene radikale Form, um sich selbst schon in dieser Welt ganz und gar für das ewige Leben – jene göttliche Liebe, „die alle Kräfte im Kosmos miteinander verschmelzen und verwandeln möchte“ – zu öffnen. 

 

Die „Ursehnsucht“ aktiv ins Gebet nehmen

Diese sogenannte Ganzhingabe an eine eher feinstoffliche Welt kennen auch andere Religionen. Etliche buddhistische oder hinduistische Gemeinschaften schreiben ihren Ordensleuten zumindest Phasen der Enthaltsamkeit vor. Nur Juden lehnen den Zölibat grundsätzlich ab, da ihrer Ansicht nach die körperliche Liebe eines der höchsten Geschenke Gottes sei. 

Auch nach Grün stellt die Sexualität beziehungsweise die Paarbeziehung so etwas wie eine Ursehnsucht des Menschen dar. Der „herrschenden Meinung, dass man nur durch die Betätigung der Sexualität ein ganzer Mensch sein kann“, tritt er jedoch entgegen. Gerade in Beziehungen, in denen der Mensch „nicht nach seinem Leib beurteilt“ wird, „darf er selbst ganz sein“ und komme schneller „mit seinem innersten Kern“ in Berührung. 

Da sich kein Mensch seine Sexualität einfach so „abschneiden“ kann, rät Grün jungen Ordensleuten, sich im Gebetsleben aktiv mit ihrer „Ursehnsucht“ auseinanderzusetzen und sie als Ansporn zum Ausbau der spirituellen Übungen zu nutzen. Ein Geistlicher dagegen, der den Zölibat, vielleicht aus Angst vor intimen Begegnungen, nur als Vermeidungsstrategie nutze, bleibt laut Grün „auch in seiner Frömmigkeit kraftlos und leer“. Nur der Ehelose, der mit sich selbst im Reinen ist, kann Gottes Liebe überall erfahren, und diese Liebe überallhin aussenden. 

Das sieht auch die evangelische Theologin Eichler ähnlich. Wer die Ehelosigkeit und damit auch die Einsamkeit bewusst annimmt und nicht mit immer neuen Kontakten vor ihr davonrennt, dem bietet sie auch Chancen. Der entdeckt – vielleicht in Momenten, in denen er gar nicht damit rechnet – Augenblicke „tiefster Einheit“. Der Unverheiratete erlebt dann, wie das „Geheimnis einer Gottesbeziehung tatsächlich den tiefsten Mangel eines Menschen ausfüllen kann“, sagt Eichler.

Von Andreas Kaiser