16.06.2017

Christoph Pötzsch verlässt das Katholische Büro Sachsen

Abschied vom Traumjob

Nach fast 27 Jahren im Dienst des Bistums Dresden-Meißen tritt Christoph Pötzsch Ende Juni in den Ruhestand. Als Leiter des Katholischen Büros Sachsen pflegte er lange die Kontakte der katholischen Kirche zum Freistaat. In der Bistumsverwaltung war er zudem Kanzler, Justiziar und Personalreferent.


Der Dresdner Hofkirche bleibt Christoph Pötzsch auch als Ruheständler verbunden. | Foto: Dorothee Wanzek

Sie haben das Katholische Büro in Zeiten geführt, die für die Politik, aber auch für die Kirche sehr spannend waren. Was waren für Sie Sternstunden Ihrer Amtszeit?

Es war eine Dauersternstunde, so viele Jahre lang neben Joachim Reinelt arbeiten zu dürfen. Vielleicht wird man erst später ermessen, worin seine großartige Lebensleistung besteht. Er hat unsere Kirche ohne Identitätsverlust in eine demokratische Gesellschaft geführt. Als zweites würde ich die Mitwirkung am Staatskirchenvertrag nennen. Die Verhandlungen dazu begannen bald zu Beginn meiner Amtszeit. Und drittens: Die große Überraschung, noch mit zwei neuen Bischöfen zusammen zu arbeiten, mit beiden auf jeweils ganz eigene Weise.
Die wesentlichen Aufgabenbereiche des Katholischen Büros bestehen ja darin, die Einhaltung des Staatskirchenvertrages zu überwachen und im guten Sinne Lobbyist der katholischen Bistümer auf sächsischem Terrain zu sein. Letzteres war zu Bischof Reinelts Zeiten weniger notwendig, da er selbst ein Netzwerker war.
Bei seinen beiden Nachfolgern habe ich es ein Stückweit als meine Aufgabe angesehen, sie in die sächsische Gesellschaft und Mentalität einzuführen. So unterschiedlich beide als Mensch sind – beide hatten das Anliegen, erst einmal so viel wie möglich kennenzulernen vom Land, den Menschen hier, der Kultur, der Wissenschaft und der Politik.
Ich sage gerne: Leiter des Katholischen Büros zu sein ist ein Traumjob. Ein wenig beneide ich meinen Nachfolger im Amt.

Sie haben bekanntermaßen eine große Liebe zu Ihrer Heimatstadt Dresden. Was empfinden Sie, wenn die sächsische Landeshauptstadt in Folge jüngster politischer Entwicklungen weithin zu einem Sinnbild für pöbelnden Populismus wird?

Das grämt mich sehr, zumal es eine so unreflektierte Weise des Betrachtens ist. Je weiter weg die Menschen wohnen, die ihr öffentliches Urteil über Dresden fällen, desto größer ist ihre vermeintliche Sachkenntnis. Es gibt überall Menschen, denen man lieber nicht begegnen will, nicht nur in Dresden. Dresden ist und bleibt eine großartige Stadt, in der sich jeder wohlfühlen und sicher durch die Straßen gehen kann.

Die sächsische Landesregierung sieht sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, die rechtsextremistische Gefahr im Land jahrelang unterschätzt zu haben. Ein Vorwurf unter anderen: Mit dem Festhalten an einer stillen Gedenkkultur am Gedenktag der Zerstörung Dresdens habe man den rechtsextremen Demonstranten das Feld überlassen. Auch Sie haben sich immer dafür ausgesprochen, den 13. Februar im Stillen zu begehen!?

In der Tat finde ich, dass dieser Tag beschädigt worden ist durch Demonstrationen, Gegendemonstrationen und Demonstrationen, die sich wiederum gegen die Gegendemonstrationen wenden. Für mich persönlich bleibt der 13. Februar ein Tag, der weder rechte und linke Parolen noch verbale und mediale Hysterie verträgt. Mein Platz ist da beim Gottesdienst in der Hofkirche, beim Nachdenken und Reflektieren. Mir fehlt im Übrigen, dass an die Frauen und Männer erinnert wird, die die Stadt nach 1945 wieder aufgebaut haben.

Unter Katholiken hat es mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Friedlichen Revolution oft etwas Anrüchiges, sich mit politischen Themen zu beschäftigen. Konnten Sie dazu beitragen, politische Kultur in der Kirche zu stärken?

Zunächst: Kirche muss Kirche bleiben. Geistliche sollen Mahner sein, keine Pseudopolitiker. Aber die Laien sollten politische Verantwortung übernehmen. Das ist leider weniger geworden. Anfang der 90er Jahre war dieser Trend noch nicht da. In unseren Pfarreien gab es damals ein fast charismatisches Bewusstsein: „Unsere Besten gehören in die Politik“. Langjährige Minister wie Steffen Flath oder Barbara Klepsch waren zum Beispiel aktiv in ihren katholischen Gemeinden, bevor sie  in die Politik gingen. Ich bedaure sehr, dass die Bereitschaft, sich zu engagieren, abgenommen hat. Christen tun der Politik gut, durch ihr eigenes Wertegerüst.
Initiativen, die ich mit angestoßen habe, sind ein Versuch, gegenzusteuern: Begegnungen von Landtagsabgeordneten und Schülern zum Beispiel oder ein gemeinsames Forschungsprojekt des Zwickauer Peter-Breuer-Gymnasiums und des Erzbischöflichen Gymnasiums in Prag, bei dem es um die Rolle der Kirchen im Sozialismus geht, in der DDR und in der ČSSR.

Haben sie eine Erklärung für den Rückgang des politischen Engagements?

Ich ahne, dass dies mit einer wachsenden Angst, sich zu binden, zusammenhängen könnte. Dabei handelt es sich um ein generelles Problem in unserer Gesellschaft. Bindungen jeglicher Art werden als Last angesehen. Natürlich bringen Bindungen Verpflichtungen mit sich, aber auch neue Freiheiten. Letzteres wird kaum gesehen. Der Trend: „Liebe ja – Ehe nein“, „Meckern ja – Verantwortung übernehmen nein“, ist spürbar. Das führt zu schleichenden Werteverlusten. Und aus der DDR-Erfahrung heraus fühlen sich Kirchengemeinden für viele bis heute wie Kuschelecken an. Man sieht das an den festen Kreisen, die sich nach den Sonntagsgottesdiensten vor den Kirchen bilden. „Hauptsache, wir haben uns!“ – eine ungute Einstellung.

Dass Bischof Heiner Koch auch mit Linken-Politikern herzliche Kontakte pflegte, hat manchen Katholiken überrascht. Wie haben Sie es gehalten? Waren Sie für Politiker aller Parteien gesprächsbereit?

Ich habe mit allen geredet. Es war ja meine Aufgabe, die Positionen der Kirche verständlich zu machen. Und es war meine Aufgabe, gute Kontakte und Vertrauen in alle Richtungen aufzubauen, nicht erst dann, wenn Probleme auftauchen. Eine Ausnahme war allerdings die NPD, die unsere demokratische Grundordnung offen abgelehnt hat. Wichtig war es mir, nicht als ausschließlicher „CDU-Onkel“ wahrgenommen zu werden, der ich ja auch nie war. Ich habe beispielsweise zu Holger Zastrow von der FDP einen sehr freundschaftlichen Kontakt, zu Martin Dulig von der SPD, zur ehemaligen Grünen-Chefin Antje Hermenau und zu Rico Gebhardt von den Linken ebenfalls. Um professionelle Distanz zu wahren, habe ich mich aber mit niemandem geduzt, selbst mit Landtagspräsident Matthias Rößler nicht, obwohl wir eine gemeinsame Schulzeit hatten. Besonders interessant: Gerade die kirchenfernen Politiker interessierten sich oft vorbehaltlos und mit der größten Neugier, was uns als Christen bewegt.

Politiker und Kirchenvertreter beklagen in den letzten Monaten einen rauer werdenden Umgangsstil. Haben Sie Gleiches beobachtet?

Ich habe im Kontakt mit Politikern stets erlebt, dass Vertrauen und Respekt, den ich Andersdenkenden entgegengebracht habe, auch uns gezollt wurde. Keine Partei ist daran interessiert, Krach mit der Kirche zu haben, und umgekehrt gilt das Gleiche. Sicher kommt uns auch zugute, dass wir als katholische Kirche in Sachsen auf viele immer noch ein wenig exotisch wirken. Manchmal habe ich hingegen schon harsche Töne zu hören bekommen. Die gab es allerdings zu allen Zeiten. In jüngerer Zeit beispielsweise, weil zu den Pegida-Demonstrationen die Lichter der Hofkirche nicht gelöscht wurden. Dazu stehe ich weiterhin. Kirche steht für Licht, nicht für Dunkelheit.

Wie denken Sie über Pegida?

Zu Beginn war das eine Melange aus allgemeiner Unzufriedenheit, Protest gegen Asylpolitik und Arroganz aus Brüssel. Man hätte das inhaltlich aufarbeiten müssen, auch wenn man die Positionen nicht teilt und manches unreflektiert findet. Schließlich sind wir für Demonstrationsfreiheit auf die Straße gegangen. Das ist ein hohes Gut.
Nichtsächsische Politiker, die die Dresdner Demonstranten sofort aus hunderten Kilometer Entfernung mit Begriffen stigmatisierten wie „Nazis in Nadelstreifen“, „Mischpoke“ oder „Pack“ waren kontraproduktiv und haben zur Polarisierung beigetragen, die zusätzlich von den Medien angefacht wurde. Die sächsische Regierung hat vieles richtig gemacht. Es wurden Foren angeboten, um mit den Unzufriedenen ins Gespräch zu kommen. Leider ist der Dialog auf Dauer nicht gelungen, Fronten haben sich verhärtet.

Haben Sie schon Pläne für das Rentnerdasein? Werden Sie Ihr Hobby ausbauen und mehr regionalhistorische Führungen anbieten?

Gewiss wird es weitere Buchveröffentlichungen, neue Führungen und Vorträge geben. Im MDR werde ich auch weiter das „Wort zum Tag“ sprechen. Und ich werde mich weiter für die Beziehungen nach Tschechien und Polen einsetzen, die mir ein Herzensanliegen sind.  Mit den Christen dort verbinden uns ähnliche Lebensschicksale, daraus kann noch manches wachsen.

Im Bischöflichen Ordinariat wird man nicht zuletzt Ihren Humor vermissen, die Scherze in den Aprilnummern des Amtsblattes zum Beispiel. Verraten Sie uns einen besonders erfolgreichen?

Irgendjemand ist immer reingefallen. Selbst als ich behauptete, man habe bei den GEMA-Verhandlungen für das Gotteslob das Lied „Großer Gott, wir loben dich“ vergessen. Die Gemeinden sollten dem Bistum wegen der erforderlichen Nachzahlungen nun mitteilen, wie oft sie das Lied in den vergangenen Jahren gesungen haben. Das hat in manchen Pfarrbüros Panik ausgelöst. Genau das war der Plan.

Interview: Dorothee Wanzek