Mit Hildegard Burjan wurde die erste Görlitzerin seliggesprochen. An der Feier im Wiener Stephansdom nahm auch eine Abordnung des Bistums Görlitz teil.
Von Stefan Kronthaler
Wien. Hildegard Burjans Seligsprechung ist „ein großes Geschenk für die Kirche und für unser Land“, betonte Kardinal Christoph Schönborn in seiner Predigt zur Seligsprechung der Sozialpionierin und Gründerin der Caritas Socialis Hildegard Burjan am 29. Januar im Wiener Stephansdom. Tausende waren in den Dom gekommen. Aus Burjans Heimatstadt Görlitz feierte eine große Abordnung mit Bischof Wolfgang Ipolt und Altbischof Rudolf Müller an der Spitze mit, ebenso der Apostolische Nuntius in Wien, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen. Neben der Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, waren weitere Spitzen aus Politik und Gesellschaft sowie der Kirche nach Wien gekommen.
Zum Auftakt des Seligsprechungsaktes hatte die Vizepostulatorin des Seligsprechungsverfahrens, Prof. Ingeborg Schödl, die Lebens- und Glaubensgeschichte Hildegard Bujans, geborene Freund, verlesen. Am 30. Januar 1883 im schlesischen Görlitz geboren, studierte sie in Zürich Literatur und Philosophie und in Berlin Sozialwissenschaft. Im Jahr 1907 heiratete sie Alexander Burjan. Nach der Heilung von einer schweren Krankheit konvertierte Burjan zur katholischen Kirche und ließ sich taufen. Burjan setzte sich entschieden für die Gleichberechtigung der Frau, für die Bekämpfung der Kinderarbeit und für die Überwindung sozialer Missstände ein. Viele soziale Rechte für Frauen und Kinder, die heute selbstverständlich sind, gehen auf ihre Initiative zurück. 1912 gründete sie den „Verband der christlichen Heimarbeiterinnen“ und 1918 den Verein „Soziale Hilfe“. Als Frauen 1919 erstmals das aktive und passive Wahlrecht ausüben konnten, zog Burjan als erste christlich-soziale Abgeordnete in das österreichische Parlament ein. Am 4. Oktober 1919 gründete sie die Schwesterngemeinschaft „Caritas Socialis“, mit dem Auftrag, soziale Not der Zeit zu erkennen und zu lindern. Obwohl sie nur kurze Zeit als christlich-soziale Abgeordnete dem Parlament angehörte, galt sie schon bald als dessen „Gewissen“. Hildegard Burjan starb am11. Juni 1933 an einem schweren Nierenleiden.
Bei der Seligsprechungsfeier verlas der Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen, Kurienkardinal Angelo Amato, das Seligsprechungsdekret des Papstes. Nach der Verlesung des Dekretes wurde im Altarraum des Stephansdomes ein fünfeinhalb mal vier Meter großes Porträt Hildegard Burjans aufgezogen. Danach trug die Generalleiterin der Caritas Socialis, Schwester Maria Judith Tappeiner, eine Glasstele mit der Reliquie Hildegard Burjans in einer Prozession zum Altar. Neben einem Knochensplitter der Seligen enthielt das Reliquiar auch deren Ehering sowie jene Caritas-Socialis-Brosche, die bei der Öffnung ihres Sarges 2005 gefunden wurde.
Burjan habe in sozial schwerer Zeit Großes geleistet, unterstrich Kardinal Schönborn in seiner Predigt: „Nichts Frömmelndes, sondern das Sehen der Not, das Hinschauen, das Zupacken, das vernünftige soziale Handeln, das hat ihr über Parteigrenzen hinweg hohe Anerkennung eingebracht.“ Der Kardinal zitierte die neue Selige: „Gott gibt uns den Verstand, damit wir die Not einer Zeit, die Ursachen der Not, die Mittel,die zur Abhilfe führen, erkennen“.Die Kirche stelle Burjan nun ausdrücklich als Vorbild vor. Ihrem Vorbild nachzueifern, heiße „in die Schule Jesu“ zu gehen. Dies sei auch das „Reformprogramm“ für die Erzdiözese Wien. „Die selige Hildegard Burjan hat gezeigt, dass dieser Weg in der Lebensschule Jesu wirklich die Welt verändern kann“, so der Erzbischof.