Selbstbewußtsein entwickeln
Franz-Georg Friemel zur Pastoral in Ostdeutschland
Vom 21. bis 23. Oktober wird im Bischof-Benno-Haus in
Schmochtitz die »Pastorale! Messe für Pastoral in der Diaspora« stattfinden. Zur Vorbereitung darauf wird der Tag des Herrn in loser Folge
Beiträge veröffentlichen. Franz-Georg Friemel lebt als Priester und emeritierter Pastoraltheologe in Erfurt. Von 1975 bis 1989 lehrte er Pastoraltheologie und Katechetik am Philosophisch-Theologischen Studium Erfurt. Friemel kennt die pastorale Situation in Ostdeutschland nicht nur aus seiner akademischen Tätigkeit, sondern auch durch seine Arbeit als Pfarrer von Stotternheim. Der Tag des Herrn sprach mit ihm über die Herausforderungen, vor denen die katholische Kirche hierzulande steht und wie sie sich ihnen stellt.
Herr Professor Friemel, vor welchen Aufgaben und Herausforderungen steht die katholische Kirche in der ostdeutschen Diaspora?
- Zunächst sind es die gleichen Aufgaben,
die die Kirche überall hat:
Die Kirche feiert Eucharistie, sie
sorgt sich um die Not Leidenden,
sie unterweist die Menschen in der
Katechese und sie baut Gemeinde
auf. Die Besonderheiten stehen
erst an zweiter Stelle: Für die hiesige
Kirche ist das die starke Diasporasituation.
Diaspora meint
dabei nicht zuerst die Minderheitensituation
der katholischen Kirche
gegenüber der evangelischen
Kirche, vielmehr befinden sich die
Christen beider Konfessionen in
der Minderheit gegenüber einer
– man darf es wohl so nennen
– heidnischen Gesellschaft. Das
schließt als Aufgabe für beide
Kirchen eine gute Ökumene ein.
Als zweite Besonderheit möchte
ich den Versuch der katholischen
Kirche nennen, trotz der geringen
Gläubigenzahl ein Selbstbewusstsein
zu entwickeln, mit dem sie
auf ihre Mitmenschen zugeht und
diese zum Glauben, zum Nachdenken
über den Sinn des Lebens
einladen kann. Eine dritte Besonderheit
könnte man die Beschränkung
auf das Wesentliche nennen.
Das war schon nötig in der Zeit
des Kommunismus. Und für eine
arme Kirche wie die unsere bleibt
das wichtig.
Aufgabe der Kirche ist es, den nicht glaubenden Mitmenschen etwas von der Botschaft Jesu weiterzugeben. Ist das im Osten Deutschland besonders einfach oder schwierig?
- Chance: Während in den westlichen
Ländern viele Menschen der
Kirche aus Enttäuschung den Rücken
zugewandt haben, haben unsere
nicht glaubenden Nachbarn
den Kopf frei von allen Vorurteilen
gegenüber Kirche. Viele empfinden
die Kirche im Allgemeinen
zwar als etwas Seltsames: Wie
kann es sein, dass Leute glauben?
Aber Kirche und Glaube sind irgendwie
interessant. Hier kann
Kirche anknüpfen.
Nun sagen manche, die Ostdeutschen bräuchten keine Religion, sie seien religiös unmusikalisch. Andere meinen, auch Ostdeutsche sind letztlich unheilbar religiös, auch wenn ihnen die Sprachfähigkeit abhanden gekommen ist. Was sind unsere nicht glaubenden Nachbarn für Menschen?
- Da gibt es verschiedene Typen. Es
gibt Leute, die gar kein Gefühl für
Religion haben und es nicht verstehen
können, dass jemand Fragen
stellt, die über rein Innerweltliches
hinaus gehen. Und dann
gibt es die Suchenden. Vielleicht
wissen sie selbst nicht einmal,
dass sie auf der Suche sind. Viele
Leute, die jetzt um die 40 oder 50
sind, sind damit aufgewachsen,
dass ihnen gesagt wurde, alles
Religiöse sei überholter Aberglaube.
Diese Meinung ist für sie zur
Selbstverständlichkeit geworden
und dadurch sind sie sozusagen
am Glauben einfach verhindert.
Sie stehen der Kirche nicht feindlich
oder böse gegenüber. Diese
aus der ostdeutschen Geschichte
kommende Barriere gegenüber
dem Glauben ist nicht einfach zu
überwinden.
Die Glaubenssituation im postkommunistischen Ostdeutschland ist etwas Besonderes. Sind deshalb auch besondere Lösungswege nötig?
- Ich mag zunächst den Begriff Lösungswege
nicht. Er erweckt den
Eindruck, als würden wir uns in
einer vollkommen verfahrenen
Situation befinden. Das sind wir
nicht. Die Kirche hier tut, was
Kirche immer und überall tut:
Sie feiert das Lob Gottes und sie
erzählt den Menschen von Gottes
Wirklichkeit. Im Unterschied
zu Greenpeace oder dem Roten
Kreuz ist es nicht zuerst Aufgabe
der Kirche, sich dauernd Gedanken
darüber zu machen, wie sie
die Welt retten und sich dadurch
bei den Menschen sympathisch
machen kann. Die Kirche muss
sich mit ihren Möglichkeiten in die
Gesellschaft einbringen. Mittelpunkt
ihres Tuns aber ist die Feier
des Lobes Gottes in der Eucharistie.
Und weil wir das tun, müssen
wir als Kirche in Ostdeutschland
überhaupt keine Minderwertigkeitskomplexe
haben. Erst an
zweiter Stelle muss die Kirche
mit ihren scheinbar so modernen
Mitmenschen ins Gespräch kommen.
Dazu gehören Akademiearbeit,
Cityseelsorge, Angebote im
Internet ... Und da gibt es auch
hier im Osten eine Menge beeindruckender
Ansätze.
Eine kleine Kirche kommt möglicherweise schnell an die Grenzen ihrer Kräfte. In welchem Verhältnis muss die Sorge um die Kerngemeinde zur missionarischen Sorge stehen?
- Natürlich muss die Kirche sich
um die Kerngemeinde kümmern.
Aber man muss die Betreuten nicht
dauernd weiter betreuen. Und bei
den Außenstehenden muss die
Kirche auch auf den Ruf und die
Gnade Gottes vertrauen. Dazwischen
gibt es aber noch den Kreis
der Sympathisanten. Der muss gepflegt
werden.
In Erfurt gibt es besonders auf dem Domberg eine Reihe interessanter pastoraler Projekte. Wie beurteilen Sie diese Angebote?
- Ich sehe das sehr nüchtern: Weihnachtslob
und Lebenswendefeiern
sind aus einer konkreten Situation
entstanden. Zur mitternächtlichen
Christmette auf den Domberg kamen
schon immer viele Erfurter,
die nicht katholisch sind. Für sie
hat man einen eigenen Wortgottesdienst
mit Weihnachtsliedern
und einer Predigt des Bischofs
entwickelt. Eine vernünftige Reaktion
auf eine spezielle Situation,
die es so nicht an vielen Orten gibt.
Auch die Lebenswendefeiern sind
aus einer speziellen Situation entstanden,
nämlich im Umfeld der
katholischen Edith-Stein-Schule.
Diese Schule wird zu einem Drittel
von nicht christlichen Kindern
und Jugendlichen besucht. Diese
Schüler und ihre Eltern haben
nicht die Möglichkeit, den Übergang
ins Erwachsenenalter mit
Firmung oder Konfirmation zu
feiern. Und so entstanden die Lebenswendefeiern
als Angebot einer
Feier, die nicht typisch christlich
ist, auch wenn sie von christlichen
Werten und Vorstellungen
untermauert ist.
Kritisch könnte man fragen, ob es Aufgabe der Kirche ist, als alternativer Jugendweiheverein aufzutreten. Oder ist das moderne Mission?
- Natürlich müssen die Kirchen sich
zuerst um ihre eigenen Riten – um
Firmung und Konfirmation – sorgen.
Was sie darüber hinaus tut,
ist aber ein Dienst an der Gesellschaft.
Zwar hat die Jugendweihe
heute nichts Antikirchliches mehr.
Sie ist für viele ein Ritus, mit dem
sie schöne Erinnerungen verbinden.
Und deshalb sagen Eltern zu
ihren Kinder oft: Das machst du
auch. Die Jugendweihe ist zu so
etwas wie der Feier der Aufnahme
junger Menschen in die Welt der
Verbraucher geworden. Wenn die
Kirche hier ihre Lebenswendefeiern
anbietet, bietet sie damit den
jungen Menschen auch an, sich
auf eine andere Welt einzulassen.
Die Lebenswendefeiern sind eine
Art christlicher Schnupperkurs,
der aber nicht zuerst auf Taufe
zielt, auch wenn in Erfurt sich einige
Jugendliche und einige Eltern
haben taufen lassen.
- Ich glaube nicht, dass sich die Kirche sichtbar und statistisch erfassbar ausbreiten wird. Die
katholische und auch die evangelische
Kirche werden kleiner und
geschlossener werden. Dadurch
werden sie aber auch anziehender
für Leute, die mit dem, was ihnen
von der modernen Gesellschaft
angeboten wird, nicht zufrieden
sind. Es gibt Menschen, die mehr
wollen als dieses Leben als letzte
Chance zu sehen, in die alles, was
Spaß macht, hineingepackt werden
muss, weil jenseits der Todeslinie
nichts mehr kommt. Und für
diese Menschen wird die Kirche
auch in Zukunft attraktiv sein.
Fragen: Matthias Holluba



