13.04.2018

Experte in Sorge um religiöse Zukunft des Landes

Wie steht es um die Religion in China?

"Die Regierung schafft Gewinner und Verlierer unter den Religionen", sagt ein China-Experte zur Lage der Religionen in dem Land.

Foto: kna
Ein gläubiges Paar aus China auf dem Weltjugendtag 2011 in Madrid. Foto: kna


Die Zukunft der Religionen im Reich der Mitte ist schwer zu prognostizieren - selbst für einen Experten wie den Autor und Journalist Ian Johnson, China-Korrespondent großer internationaler Zeitungen und Autor einschlägiger Bücher. "Ich könnte mir vorstellen, dass es künftig mehr religiöse Reibungen geben wird", sagte er in Sankt Augustin bei Bonn.

Das Problem sei, dass die Regierung mit ihrer neuen Politik "Gewinner und Verlierer" unter den verschiedenen Religionen schaffe, so der Pulitzer-Preisträger von 2001. So würden sogenannte traditionelle Glaubensrichtungen wie Buddhismus, Taoismus und Volksreligion von der Kommunistischen Partei gefördert, während Islam und Christentum als ausländische Religionen betrachtet und damit eher kritisch eingestuft würden.

"Die Regierung glaubt, die traditionellen Religionen seien leichter zu kontrollieren und in den Griff zu kriegen. Doch das bezweifle ich", so der Sinologe. Er äußerte sich bei der 18. Jahresakademie des China-Zentrums Sankt Augustin der Steyler Missionare zum Thema "Gott und Glauben in Xi Jinpings China. Welche Ideen, Werte und Überzeugungen werden China in Zukunft prägen?"

Ein weiteres Problem ist laut Johnson das Fehlen eines interreligiösen Dialogs in China. "Es gibt kaum Verständnis für Angehörige anderer Religionen." Vor Jahren sei der Spruch üblich gewesen "Ein Christ mehr, ein Chinese weniger", wonach ein Chinese kein Christ sein könne. "Das hört man nicht mehr, aber einige denken noch so."

Insgesamt sei in der Reformära von 1978 bis 2008 eine wiederaufblühende religiöse Landschaft in China mit Hunderten Millionen von Gläubigen entstanden, räumte der Publizist ein. "Das vergisst man manchmal, weil vor allem die Probleme Schlagzeilen machen." Johnson verwies auf das kürzlich erschienene Weißbuch über Religionen in China. Danach hat sich die Zahl taoistischer Tempel seit 1997 von 1.500 auf 9.000 versechsfacht, die Zahl der buddhistischen Tempel von 13.000 auf 35.000 erhöht, die Muslime erlebten einen Zuwachs von 18 Millionen auf 20 Millionen, die Protestanten vervierfachten sich fast von 10 Millionen auf 38 Millionen, und die Zahl der Katholiken stieg von 4 Millionen auf 6 Millionen. "Wahrscheinlich ist diese Zahl viel zu gering angegeben, sie zeigt aber dennoch ein Wachstum an", so der Autor.

 

Neue Religionspolitik als Reaktion auf Wertekrise der Gesellschaft

Die neue Religionspolitik rühre von der Erkenntnis der Regierung, dass es eine Wertekrise in der Gesellschaft gibt. "Viele Chinesen haben Angst, dass es nicht einmal minimale moralische Standards gibt", sagte Johnson. So biete sich insgesamt ein gemischtes Bild: Einerseits würden bestimmte Religionen stark gefördert, während es aber gegen Christen zwischen 2014 und 2016 eine Kampagne gegeben habe, in der 1.500 Kreuze von Kirchen entfernt wurden. Auch sehe sich der Islam starkem Gegenwind ausgesetzt. Die wachsende Zahl der Restaurants mit Angeboten gemäß den muslimischen Speisevorschriften ("Halal") habe eine große Debatte entfacht. "Sie müssen Schweinefleisch und Alkohol anbieten, sonst wird es als Islamisierung der Gesellschaft gewertet." Auch Frauen mit Hidschab und Männer "mit zu langem Bart" dürften mancherorts nicht am öffentlichen Verkehr teilnehmen, so der Autor.

Langfristig müsse die Regierung damit rechnen, dass die Wiederbelebung der Religionen zu zunehmenden unabhängigen moralischen Gedanken in der Gesellschaft führen könnte, mahnte Johnson. "Die Leute haben plötzlich Werte, die höher sind als die Partei oder kurzfristige taktische Gedanken von Xi Jinping."

Die laufenden Verhandlungen zwischen dem Vatikan und Peking für eine Verbesserung der Lage von Katholiken beurteilte er zurückhaltend. Dabei geht es vor allem um die Ernennung von Bischöfen, die die Regierung im wesentlichen allein bestimmen möchte. "Ich habe Verständnis für den Vatikan und seine Bemühungen", so Johnson. "Aber ob man durch so ein Abkommen etwas erreichen kann?" Die Partei wolle nun einmal nicht, dass ausländische Kräfte Einfluss nehmen auf das Leben in China. Bereits seit 2016 werde eine Annäherung erwartet. "Aber es ist sehr kompliziert, weil die beiden Seiten unterschiedliche Vorstellungen haben."

kna